Sommerschnee
 

Es ist noch finstere Nacht als der Wecker mich mitleidslos aus Bett und Träumen scheucht. Ein erster verschlafener Blick aus dem Fenster beflügelt die Laune nicht unbedingt, denn es sieht nach Nebel aus. Als ich darauf in den Hüttenpatschen vor die Hütte trete umarmt mich ungewöhnliche Kälte und der vermeintliche Nebel entpuppte sich als rund zehn Zentimeter hoher Neuschnee. Gut, dass nach beschwerlichem Aufstieg zur rund 2300 m hoch gelegenen Jagdhütte, der Jagdgast mit sauberer Kugel bereits ein Murmel erlegen konnte, schießt´s mir durch den Kopf, während ich rasch ins schützende, vor allem jedoch reichlich wärmere Hütteninnere zurückeile. 

Es ist die dritte Augustwoche noch nicht angebrochen und während wir gestern noch schwitzend in der Sonne aufstiegen und erfolgreich jagten ist heute frieren angesagt. Doch so ein Wettersturz ist für uns Bergler in den Sommermonaten nichts ungewöhnliches weshalb im Rucksack auch stets eine Haube und Handschuhe mitgeführt werden um allenfalls gegen die Naturgewalt besser gerüstet zu sein. Der Jagdgast, mittlerweile auch vom Lager hoch geworden, wundert sich immer wieder Kopfschüttelnd über den Sommerschnee zumal er dies noch nie erlebt hatte. Ob diesen Wetters waren die Erfolgsaussichten auf ein weiteres Murmel doch als eingeschränkt zu bezeichnen und da der Gast mit dem einen Murmel sehr zufrieden war und ein Zweites für ihn nicht so wichtig war, beschließen wir ein paar Gams in Anblick zu bekommen. Doch zuerst wird einmal ordentlich gefrühstückt um den kommenden Tag auf eine gute Unterlage zu stellen.

Mittlerweile ist’s hell geworden, ein garstig kalter Wind bläst von den Gipfeln herab während wir die Umgebung nach Gamsen abglasen. Doch es ist nichts in Anblick zu bekommen, was weiter nicht wundert da die Gams bei solchen Wetterkapriolen ein wenig zu stecken pflegen. Alsbald befinden wir uns unter der Jagdhütte einen Graben querend um auf der anderen Seite mit gutem Ausblick in ein Kar sowie den darunter verlaufenden Gräben uns anzusetzen. Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir unseren Auslug, hüllen uns in den Wetterfleck und nehmen unsere Umgebung mit den Ferngläsern in Augenschein. Es ist kein Wild, noch nicht einmal eine Fährte auszumachen, grad als ob der Sommerschnee alles lautlos verschluckt hätte. Mittlerweile hat der Wind die meisten Wolken ausgeputzt und ein tiefblauer Himmel überspannt das Tal. Die Sonne hat auch längst angeschlagen und lässt den Schnee in Gipfelnähe grell blitzen und funkeln. Der Gast und ich sitzen immer noch ohne Anblick im tiefsten Schatten was auch noch rund eineinhalb Stunden so bleiben wird ehe sich die Sonne über den Grat wagen wird um ihr wärmespendendes Licht über uns zu ergießen. Leicht beginnt uns zu frösteln während die Zeit kontinuierlich dahintropft. Nach rund einer Stunde Ansitz, die bis auf ein paar Dohlen keinen weiteren Anblick brachte wird’s beinahe gänzlich windstill und es kommt uns vor als wär’s gleich etliche Grade wärmer. Oberhalb von uns ist das Kar bereits zur Hälfte vom Sonnenlicht überflutet und nun soll’s erfahrungsgemäss nicht mehr lange dauern und sich die ersten Gams zeigen. Nach einem Rauchopfer ist es dann soweit, droben im Kar kommt ein dreiundzwanzigköpfiges Rudel Scharwild zum Vorschein. Durchs Spektiv sind sie gut anzusprechen, sieben Kitzgeißen zähle ich, auch eine alte, wohl so um die fünfzehn Jahre wird sie haben, nichtführende Geiß ist dabei, einige jüngere Geißen und Jährlinge komplettieren das Rudel. Welch wunderbarer Anblick wie die Kitze im für sie bislang noch unbekannten Schnee umhertoben während der Rest des Rudels gänzlich vertraut mit der Äsungsaufnahme und gelegentlichen sichern beschäftigt ist. Mittlerweile ist ganz droben im Kar ein reifer Gamsbock auszumachen, ein gutes Stück darunter queren drei Jährlinge das Kar. Beim Scharwildrudel haben sich drei Nachzügler, eine Kitzgeiß sowie ein Jährling, dazugesellt. Der alte Bock droben ist nicht mehr auszumachen, entweder verdeckt ihn ein Felsen oder er hat sich bereits zum Nachdrücken nieder getan. Die drei Jährlinge verlassen gerade übern rechtsseitigen Grat das Kar und sind mit bloßem Auge gegen den strahlend blauen Himmel als gestochen scharfe Siluetten bestens zu sehen. Mit deren verschwinden zeigt sich ein Steinadler am Firmament, viel weiß im Gefiederkleid zeugt von seiner Jugend. Murmeltiere "pfeifen" vereinzelt, aber wohl kaum wegen dem Steinadler der in für Murmel noch ungefährlicher Höhe dahingleitet, als möglicherweise über die unverhoffte weiße Pracht schimpfend. In den Gräben unterm Kar, die sich vor uns nach unten in eine große Geröllhalde auslaufend vereinen, rührte sich gar nichts. 
  Mittlerweile wird’s merklich wärmer und der Schnee beginnt allmählich matschig zu werden. Ehe die Sonne den Weg zu uns findet, es ist nicht sonderlich fein jagen wenn einem die Sonne in den Grind scheint, brechen wir auf um die vor uns liegenden Gräben pirschend zu queren. Vorsichtig steigen wir übern mit Geröll übersäten und von Grasinseln durchzogenen ersten Graben, stets darauf bedacht nur ja nicht auszurutschen oder gar in ein vom Schnee verdecktes Loch zu treten, hierbei leistet der Bergstecken wertvolle Dienste. Im zweiten Graben zieht oberhalb von uns auf rund 250m ein mittelalter, gut veranlagter und sehr stark im Wildbret stehender Gamsbock seine Fährte im Schnee hinterlassend vorüber. Bald sind die Gräben hinter uns gelassen und vor uns breitet sich eine gerölldurchsetzte Mulde von etwa dreihundert Metern im Geviert aus. Es ist halber Vormittag und die Sonne hat uns eingeholt, lässt den Schnee gleißend blitzen so das wir unsere Lieder zu schmalen Schlitzen verengen. Von der Sonne geblendet glasen wir so gut es geht die Mulde nach Gams ab. Es ist keiner auszumachen. Da wir zu Mittag wieder im Tal sein müssen machen wir uns an den Abstieg, zuerst jedoch queren wir am unteren Rand in der Höhenschichtenlinie die Mulde ehe wir auf einen Steig treffen werden der uns zu Tale führen wird. 

Wir sind gerade einige zehn Meter weit in die Mulde vorgedrungen als das Pfeifen einer Gams zu vernehmen ist. Instinktiv gleiten wir hinter einem Felsblock zu Boden um sogleich vorsichtig vorlugend den Gams auszumachen. Der Gams pfeift immer noch und doch können wir nicht heraushören wo er genau steht. Nach endlos erscheinenden Sekunden entdecken wir den Gams auf knapp zweihundert Metern links vor uns auf einem Felsblock erregt verhoffend. Es ist eine Kitzgeiß wie das sich an ihrer Seite Schutz suchende Kitz auf den ersten Blick uns darstellt. Pfeifend und mit dem Vorderlauf stampfend steht die Geiß mit ihrem Kitz auf dem schneebedeckten Felsblock im Sonnenlicht. Gewohnheitsmäßig wird auch ein Blick durchs Spektiv gemacht. Das bringt eine unerfreuliche Überraschung ans Licht. Die Geiß hat die Räude, deutlich an Grind und Träger erkennbar. Da gibt’s nun kein langes Nachdenken mehr und der Gast richtet sich ein. Die Geiß hat den Felsblock verlassen und zieht, das Kitz hinterdrein, immer wieder verhoffend breitseitig höher. Trocken bellt der Bergstutzen auf und wirft das Kitz verendend in den Schnee. Die Geiß geht flüchtig ab, verhofft nach rund 50 Metern zurückäugend noch einmal und somit ist Ihr Schicksal besiegelt. Auch sie wirft es Hochblatt getroffen in den Schnee, ein letztes Schlegeln noch und alles Leben ist aus der durch die Räude geschundenen Kreatur entwichen.

Im prallen Sonnenlicht nun schwitzend und schnaufend steigen wir hinauf zu den Verendeten. Bald sind wir am Kitz angelangt, auch es hat bereits die Räude wie es um seine Lichter und an einem Lauscheransatz deutlich zu erkennen ist. An einem Vorderlauf nehmend trage ich es hinüber zur Geiß um es neben sie zu betten und um ihnen den Letzten Bissen zu geben. Entbiete dem Schützen ein Waidmannsheil und überreiche den Beutebruch. Nun aus der Nähe besehen zeigt sich das ganze Ausmaß der Räude bei der Geiß, nicht nur Haupt und Träger sind betroffen, auch zwischen den Vorderläufen und Bauchseitig zeigt sich bereits an mehreren Stellen das grässliche Krankheitsbild dieser wahrlich als Gamsgeißel zu bezeichnenden Krankheit. Trotz intensiver und ausgiebiger Kontrollgänge blieben diese beiden Stücke glücklicherweise die einzigen Räudeopfer in jenem Jahr. Vermutlich war das Stück aus dem Nachbartal zugewechselt wo die Räude seit einigen Jahren regelmäßig unter den Gamsen ihren Blutzoll forderte.

Ehe wir nun absteigen können gilt es die beiden Gams ordentlich zu versteinen was nach rund einer halben Stunde erledigt ist. Hernach machen wir uns mit einem lachenden und einem weinendenden Auge an den Abstieg. Ein Lachendes weil wir zwei Kreaturen von ihrem Leid erlösen konnten und ein Weinendes weil sich darob eben auch Sorgenwolken breit machten. Einige hundert Höhenmeter tiefer gelangten wir in tiefgrüne Almmatten und nur der Blick nach oben ließ uns den allmählich wieder schwindenden, watteweißen Sommerschnee erspähen.
 

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