Der Unbekannte |
||
|
An einem Samstag, Ende Juli, überkam mich das Gefühl das ein Rehwildwetter sei. Rasch war der Entschluss gefasst es auf einen Bock zu versuchen. Alsbald befand ich mich mit jausengeschwängerten Rucksack und Anderen, welches ein Jäger eben im Revier benötigt, auf dem Weg. Die Sonne schien sengend vom Himmel und zwischen dem Weg säumenden Stauden waberte die sonnige Glut unangenehm stickig. Ich schwitzte mordsmäßig und überlegte nicht doch umzukehren, denn diese Hitze war grausam und ein Ausflug ins Schwimmbad erschien mir erstrebenswerter, was soll´s, dachte ich still bei mir und schwitzte weiter bergan. Als ich die letzten Bergbauernhöfe hinter mir gelassen hatte nahm mich der Forst lautlos auf und entlang alten, teils schon verwachsenen, mir vertrauten Wegen, stieg ich höher. Es zog mich förmlich bergan und schön langsam dämmerte es mir wohin mich mein Instinkt leitete. Es war dies ein Revierteil, knapp unter 2000 m der einen starken Rehbock beherbergen sollte. Ja sollte, denn in Anblick hatte ihn von unseren Jagdverein noch niemand bekommen obwohl nun schon das dritte Jahr auf ihn geweidwerkt wurde, nur die Nachbarn, die den Revierteil vom Gegenhang aus bestens einsehen konnten, wussten von einen sehr starken Bock zu berichten. An einer Quelle legte ich eine Rast ein, wusch mir das schweißnasse Gesicht, trank in gierigen Zügen das köstliche Nass aus meinem Hut und legte mich langausgestreckt auf den Waldboden hin um den Blick durch die Baumkronen hindurch ins blau des Himmels zu richten. Was war ich frei und das Jägerleben schön, sinnierte ich in meiner Jugendlichkeit dahin. Ein Häher rätschte, ein Düsenflugzeug wanderte leise brummend über den Himmel und hinterließ einen sich schnell verflüchtigenden Kondensstreifen hinter sich. Nochmals labte ich mich an der Quelle und stieg leichten Fußes weiter. Endlich erreichte ich die Alm und konnte auch die Jagdhütte sehen die mein erstes Ziel war, ehe ich mich den eigentlichen Pirschgang zuwenden wollte. Leises glucksen vom nahen Bächlein, vielstimmiges Gesumme und Gezirpe im Almgras empfingen mich bei der Jagdhütte. Nun hielt ich tüchtig Jause und sann einer geeigneten Strategie nach wie dem Bock wohl beizukommen wäre, jedoch meistens kommt es anders und vor allem als man denkt. Da es seit einiger Zeit nicht mehr geregnet hatte war alles trocken und laut, sodass ich mich entschloss ganz einfach am Rande seines Einstandsgebietes anzusitzen. Ich lehnte mich auf der Hüttenbank zurück, rauchte und genoss den stillen Frieden dieses Sommernachmittags als urplötzlich stürmischer Wind von Westen aufkam und es ein wenig auch kühl wurde. Meinen Blick dahin richtend sah ich hohe Wolkentürme die von einen bevorstehenden Gewitter kündeten. Wäre ich etwas reifer an Jahren gewesen so hätte ich mich wohl in die Hütte zu einen Schläfchen verzogen um das Wetter abzuwarten, so aber wallte junges, ungetrübtes, begeistertes Jägerblut in meinen Adern und ein Gewitter konnte mich nicht abhalten, meinen Ansitz, der da an einer von Wind und Wetter zerzausten Lärche sein sollte zu machen. Entschlossen Schrittes machte ich mich auf. Bald war das Almangerl, wo wir unser Wildheu mähten, erreicht als der Wind abklang und sich das bevorstehende Gewitter über den Katschberg hin ins Lungauerische verzog. Hinterm Angerl betrat ich einen alten, kaum noch sichtbaren Steig der in der Horizontalen direkt in den Einstand des Bockes führte. Ich war etwa gute 100 m entlang des Steiges gepirscht und ärgerte mich still das es ob der Trockenheit nicht lautlos zu pirschen war als ich |
aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung wahrnahm. Da zog oberhalb von mir, auf Schrotschussweite ein Reh, ein Rehbock, und was für einer. Mit dem Glase sah ich das er fahlfarben war, einen starken Träger hatte und das Haupt nur zu einen alten Bock gehören konnte, tiefsitzende Rosen, Dachrosen wollte es mir scheinen hatte er auch und auf der mir zugewandten Seite trug er eine starke Gabel, und schon verschwand er hinter Lärchen jeden Alters die sich hier in der Kampfzone des Waldes befanden. Wild pulsierte das Blut durch die Adern und rauschte mächtig in den Ohren, Jagdfieber hatte von mir Besitz ergriffen und es beutelte mich ordentlich während ich nach einen Platz suchte der mich verbarg, guten Ausschuss und Auflage bot. Endlich hatte ich mich hinter einem Wurzelstock eingerichtet und harrte der Dinge die da folgen sollten. Ich sagte mir das der Bock doch irgendwo vor mir wieder auftauchen müsste und er nicht in die Höhe zog, denn wahrgenommen hatte er mich nicht. Angestrengt leuchtete ich das vor mir liegende Gelände ab und so sehr ich es mir auch wünschte, der Bock kam nicht in Anblick. Endlich beruhigte ich mich wieder und beobachtete weiter als nach einiger Zeit ich einen unter einer Lärche befindlichen hellen Fleck ausmachte. Es war ein Reh, welches, war es der Bock? Ein Blick durch das Spektiv zeigte mir den zuvor Angesprochenen. Rasch war ich im Anschlag und wurde meine Kugel, etwas spitz von hinten los. Im Knall warf es den Büchsenlauf hoch und ich konnte kein Schusszeichen erkennen, rasch lud ich nach und sah den Bock etwas unterhalb des Anschusses ziehen wobei ich durch das Zielfernrohr erkannte das er den linken Hinterlauf schonte, ehe er im bergenden Gewirr der Almlärchen verschwand und ich einen weiteren Schuss los wurde. Wild überschlugen sich meine Gedanken und endeten in großen Zweifel. Hätte ich nicht schießen sollen weil der Bock doch spitz von hinten stand? Alles grübeln und verzagen half nun nicht mehr, es war passiert – die Kugel aus dem Lauf, keiner hält sie auf. Meine jugendliche Fröhlichkeit wich nun einer traurigen Bedrücktheit. Hatte ich nun einen Tier unnötiges Leid zugefügt, hatte ich falsch gehandelt, vieles mehr noch jagte wild durch meinen Kopf. Nach etlichen Zigarettenlängen packte ich zusammen und pirschte vorsichtig, die etwa 170 m, zum Anschuß. Dort angekommen untersuchte ich ihn und konnte nichts entdecken. Mit meinen Taschentuch wischte ich über die Gräser und fand keinen Schweiß. Dies ermutigte mich nicht gerade und ich wollte sofort umkehren um einen Hundeführer zu holen. Doch zuvor setzte ich mich, schob mir einen Glimmstengel ins Gebrech und ließ noch einmal alles Geschehene wie in einen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen und kam zu dem Schluss das der Bock die Kugel im Leben haben musste, auch wenn er den Hinterlauf schonte. 50-60 Gänge wollte ich nachsuchen, war er da nicht gefunden bedurfte es der Hilfe eines Hundes. Vorsichtig folgte ich der Fährte die ich da in etwas niedergedrückten Gras fand, hielt mich seitlich von ihr um nichts zu vertreten und stand nach 20 Schritten am längst Verendeten. Eine tiefe Freude überkam mich als ich den Bock in seine Krone griff und dabei dankte ich Diana für das Weidmannsheil. Nach einiger Zeit der Totenwacht, schob ich ihm den letzten Bissen in den Äser, versorgte ihn und wanderte frohen Gemüts heimwärts zu. Vom Tal herauf kündigte die Kirchglocke die fünfte Nachmittagsstunde während ich den Bock an schattigen Platz bei der Jagdhütte hängte um für eine Stunde noch, hier heroben zu verweilen. | |
![]() |