Karl Heinz Schriefer - "Mein" Ier-Damhirsch |
||
| Erinnerungen eines Jägers aus den neuen Bundesländern | ||
|
Nur alle zwei Jahre stand im Abschussplan des Jagdgebietes "Schleesen" im damaligen Kreis Rosslau
(Sachsen-Anhalt) ein einziger Schaufler der Klasse I. Im Jahre 1969 sollte ich der Glückliche sein, der diesen Hirsch zur Strecke bringen durfte. Ein mir bekannter, viel zu früh verstorbener Damwildspezialist, Forstmeister Siegfried. Mehlitz, vom damaligen Damwildforschungsgebiet Nedlitz, hatte einmal geschrieben, dass das Damwild hohe Anforderungen an das jagdliche Können des Jägers stellt. Ich musste ihm mehr als Recht geben.
Tagelang, ja wochenlang, war ich auf den Läufen, wenn es die Zeit erlaubte, um "meinen" Hirsch zu strecken. Ich versuchte es mit der Pirsch, versuchte es noch einmal, mehrere Male. Doch wenn ich den mir aus dem Vorjahr bekannten Hirsch zu Gesicht bekam, war der Recke, der noch drei jüngere Hirsche mit sich führte, für einen Schuss zu weit. Ein anderes Mal zog er mit seinen Geschlechtsgenossen vor mir weg. Ich sollte nicht zum Schuss kommen. Allzu viel Pirschen ist auch nicht gut, sagte ich mir. Wie leicht ist ein Rudel vergrämt. So beschloss ich, bis zur Brunft zu warten, um mein Heil beim Ansitz zu versuchen.
Für einen Schuss zu weit war der Hirsch in erster Linie stets deshalb, weil ich vom Staat für 24 Stunden nur eine Doppelflinte, wenn auch mit einem Zielfernrohr, zur Verfügung gestellt bekam. Mit der 16er Brennecke war doch nur ein sicherer Schuss auf 40 Schritt möglich. Wie das bei der Jagd so ist, wollte es aus all den Gründen nicht klappen. Obwohl ich in meinem Hegebezirk, so wurde das genannt, über einen idealen Brunftplatz verfügte, die 40 Schritt Entfernung also gegeben waren, sollte ich kein Weidmannsheil haben. Der Hirsch war wie vom Erdboden verschwunden. Der Langersehnte hatte sich offensichtlich in ein anderes Revier zum Minnedienst verzogen.
Es war dann zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich hatte die Hoffnung, den Hirsch noch zur Strecke zu bringen, bereits aufgegeben. Dennoch kam es anders als ich dachte. Auf alle Fälle dachte ich ganz und gar nicht an meinen Ier, als ich eines Abends auf meiner Kanzel an einem Feld saß, das mit Winterroggen bestellt war. Ich traute meinen Augen kaum, bei noch gutem Büchsenlicht äste ein Rudel Damwild auf dem Roggenschlag auf meine Kanzel zu. Das Rudel hatte sich sehr früh auf die Fläche hinausgewagt. Ich nahm mein Glas und sprach leise zu mir selbst: "Das ist doch wohl nicht möglich, da ist doch der Hirsch dabei, den ich bisher nicht zur Strecke bringen konnte". |
Ich äugte sehr lange und aufmerksam durch das Glas, es gab keinen Zweifel, er war es:
Breites Haupt, kurzer gedrungener Träger, und die Schaufeln, weite Auslage.
Er war es. Was nun, ich hatte ja nur die Doppelflinte mit. Und je näher das Rudel kam, desto mehr begann mein Herz zu pochen. Ich glaubte es fast zu hören. Ich schob zwei Flintenlaufgeschosse in die Läufe, ich war fest entschlossen, dem Hirsch bei vertretbarer Entfernung die Kugel anzutragen. Als das Rudel auf Schussentfernung herangekommen war, ließ ich fliegen. Dumpf klang der Kugelschlag. Also getroffen, war mein erster Gedanke. Aber - um der Wahrheit die Ehre zu geben - wie der Hirsch zeichnete, darauf hatte ich in der Aufregung, man sagt auch Jagdfieber dazu, gar nicht geachtet. Das "Tablett war sauber", das Rudel hochflüchtig im Bestand verschwunden, mit ihm der beschossene Hirsch.
Ich ließ eine Weile verstreichen, bis ich zum Anschuss ging. Ich fand Wildbretschweiss, sehr viel sogar. Im Schnee, es war eine hauchdünne Decke vorhanden, zeichnete er sich deutlich ab. Etwa 10 Meter ging ich der Fährte nach, bis der Schweiss weiniger wurde. Und zu meinem Ärger, den Schweiß fand ich nur einseitig von der Fährte. Abgesondert vom Rudel hatte sich der Hirsch auch nicht - keine günstigen Zeichen für einen tödlichen Schuss. Sollte ich das Stück nur gestreift haben? Es war inzwischen dunkel geworden, so dass der Jagdleiter entschied, die Nachsuche erst am nächsten Morgen zu beginnen. Der Wettergott meinte es in der folgenden Nacht gut mit uns, es fiel nicht eine Schneeflocke mehr, und der DD "Dolf" nahm die Fährte sofort an, wir konnten kaum mithalten. So ging es viele 100-Meter durch den herrlichen Winterwald. Immer nur wenig Schweiss und, wie bemerkt, nur einseitig von der Fährte. Doch was war das? Der Jagdleiter fand einige Äsungsreste, und dann noch etwas Schweiss, jetzt auf beiden Seiten der Fährte. Noch ein Paar Meter und für uns stand fest: Weidewundschuss, ich war zu tief abgekommen. "Dolf" erhöhte das Tempo so dass wir trotz Kälte ins Schwitzen gerieten. So ging es noch etwa 200 Meter, bis der Hund die Nase hochnahm. Da lag er auch schon der Schaufler, er war bereits verendet. Der Jagdleiter überreichte mir den Bruch, ich versorgte das Stück. An diesem Tage war ich der glücklichste Mensch - ich hatte einen Schaufler erlegt, einen Schaufler, wie er im Buche steht.
Karl Heinz Schriefer 2002 |
|
| Der Hirsch erhielt auf der alljährlichen Landwirtschafts-Ausstellung (agra) in Leipzig eine Bronzemedaille. Auf der Weltjagdausstellung 1971 in Budapest wurde er ebenfalls mit einer Bronzemedaille bewertet. |
![]() |
|
Das Geweih mit seinen zwei Medaillen bildet an der Wand den Blickpunkt zwischen nur abnormen Rehgehörnen, die der Autor jemals gestreckt hat. |
| Foto: Autor |