Der Wespenbock

Die Vorzeichen standen gar nicht gut: Dunkle Regenwolken am Himmel, kühl, gar nicht  sommerlich. Die Blattzeit, die jetzt, Anfang August, ihren Höhepunkt erreichen sollte,  würde wohl einen mächtigen Dämpfer bekommen. 

Ungeduldig wartete ich, gespannt, ob die Böcke noch treiben würden. Doch es wollte  und wollte nicht Abend werden. Viel zu früh saß ich schon wieder draußen und wartete  auf der Wespenkanzel, die ihren Namen zu recht trägt, denn die wird von den rotgelben  Stechern besonders bevorzugt angenommen.  
Welches "dieser" dort wohnhafte Herr, nur bestätigen kann ....
Der Köpfelmann im Wespenreich

Ich wartete auf den Bock. Nicht auf  irgend einen Bock. Ich wollte genau den, der sich in jedem rechten Jägergeist  herumtreibt, alt und gewitzt, heimlich, viel besprochen doch nie erwischt.  Lange war ich nicht mehr hier gewesen und so erkundete ich erst einmal mein Umfeld.  Vor mir lag, steil abfallend der Kessel, in dem Sturm "Lothar" die Stämme  durcheinander geworfen hatte. Längst war das Holz gerückt, aber Gipfel und Dornen  hatten sich zu einem undurchdringlichen, bunt blühenden Dickicht verwoben. Im  Hintergrund schließt sich ein lichtes Altholzgestell an. Ein idealer Brunftplatz, denkt der  Jäger. Wenn es nur nicht so weit wäre, da hinüber.  Rechts schließt sich ein Hochplateau an, unbewaldet aber nicht minder zugewachsen.  Oh jeh, es würde schnell gehen müssen, das war klar. Nach links war der Blick frei auf das sagenumwobene "Köpfel", einer kleinen  Bergkuppe, hinter dem in der Ferne das Rheintal hervorblinzelte. Auf dem Köpfel  standen, unbeweglich, seltsame Gestalten. Irgend jemand hat hier irgend wann einmal  aus den stehen gebliebenen Stümpfen der Bäume diese Figuren geschnitzt. Und nun  stehen sie da und starren herüber. Sind sie Freund, oder Feind ? Meinen sie es gut,  oder wollen sie einen verunsichern? Immer wieder huscht der Blick hinüber. Ob sie sich  nicht doch bewegen? Doch, da, ganz deutlich zischt ein schwarzer Schatten hervor!  Das Herz lacht: Ein Baummarder ist es. Er hat einen wilden Satz nach ein paar Vögeln  gemacht, die ihn entdeckt und umkreist hatten. Aber schon ist er wieder im  schützenden Grün verschwunden.

Da rasselt es unten im Gestell. Die Sonne steht noch hoch am Himmel, aber da unten  scheint der Brumftbetieb in vollem Gange. Wo? Das Glas hetzt hin und her, wo stecken  sie blos? Da, ein roter Wisch: Ein Kitz ist es, noch eines. Wo ist eure Mutter? Besser:  Wo ist euer Vater? Da: Die Geis steht im Stangenholz, die Kitze springen zu ihr hin und  schon fährt der "rote Blitz" dazwischen. Die Kitze verschwinden im Grün, während die  beiden Alten immer mal wieder zu sehen sind. Jetzt verhoff doch mal, Bock, damit ich  dich ansprechen kann. Das hat er gehört. Breit, man könnte meinen stolz steht er da,  plätzt. Dann äugt er zu mir herüber. Wow, ER ist es. Starker Träger, graues Gesicht.  Und was für Rosen! Schon zurückgesetztes 6-er Gehörn. Das Herz springt vor Freude.  Es gibt dich also doch hier im Revier! Aber schon geht die Fahrt weiter. Rauf und runter im Affenzahn, die Kitze versuchen  immer wieder, den Anschluß zu halten. Gut 150-180 m sind es da herüber. Ich will noch  zuwarten, es ist ja noch so früh. Wer wollte auch in diesem Kessel einen Bock bergen,  schießt es mir durch den Sinn. Aber noch gehört er mir nicht. Und prompt, als hätt ichs  verschriehen sind sie verschwunden. Alle vier Rehe sind einfach weg. Stille. Oh hätt  ich doch, ...

Lange, bange Minuten verstreichen. Da tauchen sie wieder auf, ganz oben am Rand.  Ruhig ziehen sie voran. Erst die Kitze, dann die Geis. Der Alte steht, halb gedeckt, im  Holz und beobachtet das geschehen. Dann nimmt er Fahrt auf, wirbelt zwischen die  Rehe und alle preschen nach rechts. Jetzt sind sie auf dem Hochplateau. ( Gut zu  bergen, denke ich,) aber voll gedeckt. Vielleicht 100 m mögen es jetzt nur noch sein.  Oh bitte, gib eine Lücke frei. Nein, immer wieder zu unsicher, Stöckchen davor, spitz  von vorn, es will nicht klappen.  Schon dreht die ganze Fuhre rum und will zurück in den Kessel, da taucht die Geis in  einer Lücke frei auf. Da muß auch der Bock kommen. Fest steht der Zielstachel auf der  Lücke. Die Sekunden rinnen. Da wird es rot. Ein kurzer Kontrollblick: Er ist es.  Überraschend fällt der Schuß, alles wirbelt durcheinander, die Geis nach rechts, Kitze  nach links. Aber wo ist der Bock? Kein Zeichen, kein Abspringen, einfach weg.  Im selben Moment gibt der Himmel die Sonne frei und der ganze Hang leuchtet blutrot  auf. Nur kurz, aber eindrucksvoll. Es erschaudert mich und im Augenwinkel huscht der  Blick hinüber zu den Männern vom "Köpfel". Noch weiß ich nicht, ob sie es gut gemein  haben, mit dem erregten Jäger. 

Drüben rufen die Kitze nach ihrer Mutter, die auch prompt herüber zieht, und alle  beginnen ruhig zu äsen. Lange stehen sie noch da, bevor ich zum Anschuß kann und:  Nichts finde. Kein Schweiß, kein gar nichts. 

Hilfe Hund, jetzt brauch ich dich. In diesem Heckenstall hier kann ich nichts ausrichten.  Aika hats da leichter. Sie braucht keinen Schweiß. Sie hat den verendeten längst in der  Nase. Die Kugel sitzt hinterm Blatt. Ein gut 6 jähriger Sechser liegt da. 17 cm  Stangenlänge, 5 cm Augsprosse, oben kaum noch vereckt . 

Langsam wird mir bewußt, wie viel Glück ich hatte. Diese Lücke war sicherlich die  einzige auf dem gesamten Plateau und das Bergen ist auch nicht allzu schwierig.  Zufrieden treten wir den Heimweg an. Diana sei Dank für ein herrliches Jagdabenteuer.

Frank Löwe  2002

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